Vor einigen Jahren noch dachte ich, Glück sei das Echo von Stimmen. Von Stimmen, die mich liebten, von Stimmen, die Menschen gehörten, die mir näher waren als alles andere. Manch einer Stimme verdanke ich mein Leben, einer anderen Stimme gab ich alles, was ich bin, und wieder eine andere verstummte viel zu früh. Ich glaubte, Geborgenheit entstünde dort, wo ich gebraucht werde, wo ich einfach sein kann, ohne etwas zu geben, ohne etwas zu nehmen. Fast mein ganzes bisheriges Leben wähnte ich mich in der Sicherheit, das pure Glück bereits zu kennen. Oft lag ich allein in einem Raum, der sich zusammenzog und wieder ausdehnte. Ich hörte nur die Geräusche, die von außen hereinkamen, meine eigenen Atemzüge, das leise Rauschen der Zeit, das doch immer gleich blieb. Egal, ob jemand da war oder nicht. Ich glaubte, das sei Nähe, ich glaubte, das sei Geborgenheit, frei von Sorgen und Angst. In Wirklichkeit war alles nicht mehr als ein dünner Ölfilm, der auf den trüben Wellen des Meeres meines Lebens trieb. Ein Meer so groß, dass ich weder das eine noch das andere Ufer sehen konnte. Und obwohl es mein eigenes Leben war, hatte es die Macht, mich zu ertränken, mich in die Tiefe zu reißen. Und das tat es! Alles fiel auseinander. Ein Mensch, für den ich alles war, zumindest glaubte ich das, ein Mensch, der für mich alles war und dem ich alles gab, nahm mir mit einem einzigen Herzschlag alles, was ich war. Bis nur noch Stille übrigblieb. Kein Schlag, keine Worte, nur das Verschwinden von allem, das mich trug, das meine Welt war. Was blieb, war ein Scherbenhaufen, und ich mittendrin. Mein eigenes Ich konnte kaum atmen, kaum noch denken Ich spürte nur, dass etwas zerbrochen war, das nicht wieder zusammenpasste. Alles, was ich festhielt, löste sich auf, zuerst leise, dann in Stücken, bis da einfach nichts mehr war außer mir selbst. Nur ein einziger Atemzug, der meine Lungen füllte, lag zwischen meinem Leben und dem Jetzt, diesem einen Moment, der alle Wärme und jeden noch so kleinen Farbtupfer aus meinem Leben riss, als sei es nie etwas wert gewesen. Es war nicht das erste Mal, dass aus meinem Leben, aus mir, ein Scherbenhaufen wurde, und ich wusste, es würde auch nicht das letzte Mal sein. Irgendetwas, das ich selbst nicht benennen oder greifen kann, schafft es, in den Scherben nicht die scharfen Kanten zu sehen, nicht die vielen zerbrochenen Erinnerungen, die aneinandergeklebt keinen Sinn mehr ergeben, sondern sich an dem leisen Funkeln des Lichts zu erfreuen, das sich in ihnen bricht, auch wenn ich weiß, dass nicht einmal das bleiben wird. Nichts bleibt. Nicht die Stimmen, nicht die Wärme der Namen, die einmal durch den Raum gehaucht wurden. Alles wird schwach, verschwimmt, bis selbst die Erinnerung unscharf wird. Dann bleibt nur noch die eigene Gegenwart, ungeschützt und unverrückt. Und dieses letzte Schimmern, das sich in den Scherben meiner selbst brach, das noch leise, fast lautlos glimmend in mir brannte, habe ich mir aufgehoben. Ich habe es sorgsam versteckt, tief in diesem schlagenden roten Stein, der unermüdlich in meiner Brust schlägt. Manchmal spüre ich ihn, dieses gleichmäßige Pochen, das mich daran erinnert, dass ich noch hier bin. Nicht mehr als das, nur hier, ob ich will oder nicht.





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