Wenn ich ganz still bin, liegt noch tiefer in mir dieser kleine Rest von Farbe, den ich Hoffnung nenne. Ich habe ihn geteilt, verschenkt, immer zu schnell, immer zu gern, immer an die falschen Menschen. Jedes einzelne Mal, wenn ein Mensch mein Leben verlassen hat, ist ein Stück davon mit ihnen gegangen. Vielleicht habe ich gehofft, dass etwas davon zurückkommt. Aber das ist selten passiert. Nichts bleibt, nicht Liebe, nicht Nähe, nicht einmal die Geborgenheit eines einzigen Namens, den man einmal im Dunkeln flüsterte, weil er Sicherheit versprach. Alles geht. Alles vergeht. Doch dann, nach all dem Lärm, nach all den Scherben, auf denen ich barfuß durch mein eigenes Leben gelaufen bin, nach all den Stimmen, die mich hielten und dann verließen, trat eine Stille ein, die nicht mehr aufbrach. Sie umhüllte mich wie ein Raum, der nur mir gehörte, ohne Grenzen, ohne Spiegel, die mir nur zeigten, was ich sowieso an mir hasste. Kein Echo, kein Widerhall, nur ich und der endlose, weite Regen. Ein Schritt, der auf nichts traf, nur Luft, die sich bewegte, nur Zeit, die verging. Und plötzlich merkte ich, dass ich atmete, ohne auf etwas zu warten, dass nichts mich hielt und nichts mich zog. Das alles, was ich kannte, nicht mehr da war – und dass genau das nicht weh tat. Es füllte mich aus. Ich fand etwas, das ich zu kennen glaubte, doch nie zuvor berührt hatte. Es war nicht Glück, nicht Freiheit, nicht Nähe, nicht etwas, das man so klar benennen könnte. Es war etwas anderes, stiller, reiner, wie der Moment, bevor Regen fällt. Es war dieses kaum hörbare Innehalten, wenn die Welt atmet und man selbst zum ersten Mal mit ihr. Straßen, die nach Geschichte, nach Holz und Heimat rochen. Laternen, deren orangegelbes Licht sich im nassen Asphalt brach. Kein Wort durchbrach die Stille, kein Blick schnitt in meinen Körper. Nur das Gefühl, dass alles, was ich suchte, längst hier war – in mir, unter meiner Haut, in meinem Schritt, im gleichmäßigen Rhythmus der Tage. Je weiter ich ging, je länger ich blieb, je kleiner der Raum wurde, der mir gehörte, desto leiser wurde das Außen. Mir wurde plötzlich klar, dass Alleinsein keine Strafe sein musste. Es war Anfang, Ende, alles zugleich. Es konnte alles sein. Alles, was ich bisher für mich gesucht hatte, war plötzlich da, weil niemand mehr da war, der es mir nehmen konnte. Manchmal frage ich mich, ob es grausam ist, in der Einsamkeit Glück zu empfinden, ob das bedeutet, dass ich gemein geworden bin, oder ob ich einfach nur endlich ehrlich zu mir selbst bin. Denn nur, wenn ich einsam bin, bin ich mit mir selbst wirklich gemeinsam. Nur allein erkenne ich mich – ohne die Stimmen, ohne die Erwartungen, ohne dieses unablässige Bedürfnis, gebraucht zu werden, mir oder irgendjemandem etwas beweisen zu müssen. Und nicht zuletzt bedeutet es, dass niemand mich mehr verletzen kann, nur ich selbst. Irgendwo in mir glimmt noch dieser letzte Funke. Kein Versprechen, keine Hoffnung, nur die vage Erinnerung daran, dass ich einmal gebrannt habe und dass ich noch brennen kann, viel heller als jemals zuvor. Ich wagte den Schritt in das Unbekannte, das vor mir lag. Es nahm mich einfach an, ohne mich zu bewerten. Die Millionen Gesichter, in die ich jeden Tag blickte und die mir dennoch fremd waren, lächelten. Ich weiß nicht, ob sie mich anlächelten, aber das war mir in diesem Moment egal. Ich fühlte zum ersten Mal in meinem Leben, dass alles gut war, so wie es war. Dass ich gut war, so wie ich bin. Das, was ich mein Leben lang gesucht hatte, war ein Zuhause – und dieses Zuhause habe ich gefunden. In mir selbst.





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