Als der Regen in Taipei begann, war er nicht laut. Er fiel nicht hastig, und seine Tropfen wogen nicht viel. Er legte sich wie eine hauchdünne Schicht durchsichtiger Seide über die Kulisse. Ein feiner, gleichmäßiger Schleier, der die Neonlichter der Stadt in flüssige Farben auflöste. Das Rot wurde zu warmem Atem, das Blau zu stiller Sehnsucht. Auf den nassen Straßen spiegelten sich Schilder und Zeichen, die für Fremde wie Geheimnisse aussahen, aber für die Stadt selbst nur ihr eigener Name waren.

In einer schmalen Gasse nahe der Dihua Street saß ein alter Mann auf einem Hocker und verkaufte Kräuter. Seine Hände waren braun wie getrocknete Teeblätter, und jede Bewegung hatte die Geduld von jemandem, der nie gelernt hatte, sich zu beeilen. Oder vielleicht von jemandem, der irgendwann beschlossen hatte, dass Eile ihm nichts mehr geben konnte. Neben ihm dampfte ein Topf mit etwas, das nach Ingwer, Erde und Regen roch. Niemand wusste so genau, was es war, aber alle wussten, dass es half. Gegen Erkältungen, gegen Kummer, gegen dieses dumpfe Gefühl, das man bekommt, wenn man zu lange woanders war.

Ein junges Mädchen blieb stehen. Sie war nicht von hier, das sah man an der Art, wie sie den Regen betrachtete, wie ihr Blick den feinen Linien folgte, die bis in die Pfützen hinabführten, als würde dort unten etwas auf sie warten. Einheimische nehmen den Regen hin wie einen alten Freund, der ständig zu Besuch kommt. Sie aber schaute, als würde er ihr etwas erzählen wollen.

Der alte Mann sah sie an und schob ihr wortlos eine Tasse über den kleinen Tisch.

Ich habe nichts bestellt, sagte sie auf Mandarin, ein wenig holprig, aber mutig.

Er lächelte sanft. Der Regen bestellt für dich.

Sie setzte sich, nahm die Tasse, und während der Dampf ihr Gesicht umarmte, spürte sie etwas, das sie seit langer Zeit vermisst hatte. Es war kein pures Glück. Es war etwas Ruhigeres, Tieferes. Ein Gefühl von Angekommensein, ohne genau zu wissen, wo. Und ohne, dass Ankommen je wirklich ein Ziel gewesen wäre.

Sie zog weiter durch die Stadt, vorbei an einem Tempel, dessen Räucherstäbchen den Himmel mit schmalen grauen Linien beschrieben, als würde jemand versuchen, Gedanken in die Luft zu schreiben. Vorbei an einem 7 Eleven, der heller leuchtete als alles um ihn herum, ein modernes Versprechen, dass es immer irgendwo Licht gibt und einen Kaffee, selbst wenn alles andere gerade zu dunkel wirkt. Ein Junge mit einem roten Regenschirm rannte an ihr vorbei, lachte, rutschte fast aus, fing sich aber wieder. Seine Mutter rief etwas hinterher, halb Sorge, halb Liebe. Taipei wirkte wie ein Ort, der aus tausend kleinen Geschichten bestand, die sich nie ganz berührten, aber alle dieselbe Luft atmeten.

Am nächsten Morgen fuhr sie mit dem Zug hinaus. Die Stadt wurde kleiner, die Berge größer. Grünes, tiefes Grün, so dicht, dass man glauben konnte, der Wald würde alles verschlucken, was zu lange stillstand. In Hualien stieg sie aus. Der Pazifik lag vor ihr wie eine offene Hand. Nicht freundlich, nicht feindlich, einfach ehrlich, einfach da. Wellen schlugen gegen die Felsen und erzählten in einer Sprache, die älter war als jedes Wort.

Sie zog die Schuhe aus und ging ins Wasser. Die Kälte umspülte sofort ihre Füße, klar und wachmachend. Jeder Schritt war ein kleiner Schock, und jeder Schock war eine Erinnerung daran, dass sie lebte und dass ihr Körper mehr wusste als all die Gedanken in ihrem Kopf.

Weiter oben am Strand stand ein Fischer. Seine Haut war gegerbt, seine Augen ruhig. Er nickte ihr zu, als würde er sie schon lange kennen.

Du suchst etwas, sagte er.

Vielleicht, antwortete sie. Oder ich habe es verloren.

Er lachte leise. Das ist hier fast dasselbe.

Am Abend aßen sie zusammen in einer kleinen Hütte. Fisch, Reis, etwas ihr Unbekanntes mit Chili, das ihr die Augen zum Brennen brachte. Sie lachte darüber, während ihr Tränen über die Wangen liefen. Während ihre Tränen das Taschentuch färbten, färbte draußen die untergehende Sonne den Himmel orange und violett, als hätte jemand alle Gefühle des Tages hineingegossen.

Wieder saß das Mädchen im Zug, auf dem Weg nach Tainan. Alte Straßen, langsameres Leben. Häuser, die Geschichten in ihren Mauern trugen, selbst dort, wo der Putz schon Risse hatte. Sie saß in einem Café, trank süßen Milchtee und schrieb in ihr Notizbuch, das sie schon viel zu lange leer mit sich herumgetragen hatte, als hätte sie Angst gehabt, es mit etwas Falschem zu füllen. Worte kamen jetzt leichter. Nicht, weil sie plötzlich wusste, was sie sagen wollte, sondern weil Taiwan ihr gezeigt hatte, dass es in Ordnung war, nicht alles zu wissen.

Manchmal regnete es. Manchmal war der Himmel klar. Beides fühlte sich richtig an.

Am letzten Abend stand sie auf einem Hügel über der Stadt. Lichter unter ihr, Grillen um sie herum, ein warmer Wind, der nach Meer roch. Sie dachte an den alten Mann mit den Kräutern, an den Jungen mit dem Regenschirm, an den Fischer, an all die Gesichter, die sie nie wieder sehen würde und die trotzdem irgendwie bei ihr bleiben würden.

Taiwan hatte ihr nichts versprochen. Kein neues Leben, keinen neuen Weg. Es hatte ihr nur Raum gegeben. Raum zu atmen, zu fühlen, sich selbst wieder zu hören, jenseits des Lärms der Welt. Und manchmal, dachte sie, ist genau das das Kostbarste, was ein Ort einem Menschen schenken kann.