Die Straßenlaternen waren bereits angesprungen, als ich den Park verließ. Das Licht der untergehenden Sonne hing noch wie ein zerlaufener gelber Farbtupfer zwischen den Häusern fest. Der schmale Gehweg hatte fast dieselbe Farbe, das Laub lag seit Monaten herum und doch verloren die Blätter nur langsam ihre Farbe, als hätten sie einfach entschieden, dass dieser surreale Farbton aus Rot und Gelb einfach besser zu ihnen passt. Wie fast jeden Abend führte mich mein Weg an der Bäckerei vorbei, die ich trotz des herrlichen Dufts, den ihre offenstehende Tür verbreitete, noch nie betreten hatte. Auch der Briefkasten fristete stumm sein Dasein und fand kaum Beachtung, dachte ich, als ich die Umrisse des alten Mannes durch die von der Hitze beschlagenen Fenster der Bäckerei wahrnahm. Irgendetwas war heute anders als sonst, blitzte es in meinen Gedanken wie ein Messer auf. Ich brauchte einen Moment, um zu begreifen, was es war. Trotz des Hunde-Verbotsschilds war der alte Mann mit seinen Hunden in die Bäckerei gegangen. Scheinbar störte es niemanden.
Der Beagle saß wie immer da, dicht an sein Bein gelehnt, die Ohren so nah am Boden, als würde er darunter einer spannenden Geschichte lauschen. Der graue Schnauzer reckte die Nase in die Luft und hoffte wohl auf eine kleine Köstlichkeit aus der Bäckerei. Mein Blick begann hektisch den dritten Vierbeiner zu suchen, doch ich konnte ihn nirgends ausmachen. Vielleicht war er krank, riss mich der Gedanke zurück ins Hier und Jetzt. Ich bemerkte die dritte Leine in der Hand des alten Mannes. Zusammengelegt wie eine Schleife. Der Mann bezahlte und nahm die Brötchentüten entgegen. Ich wollte weitergehen, doch ich tat es nicht.
»Ah, guten Abend«, zerschnitt die ruhige Stimme des Mannes die Abendluft, als er aus der Bäckerei heraustrat. Die Hunde folgten ihm heute, statt vor ihm zu laufen. »Guten Abend«, erwiderte ich. »Alles gut bei Ihnen?«, fügte ich hastig hinzu, als hätte ich kaum Zeit. »Das Leben muss man leben, bis es zu Ende ist«, sagte er. Ich verstand nicht, was er mir sagen wollte. »Der Braune hat diese Welt gestern verlassen«, fügte er mit feuchten Augen hinzu. Mir war noch nie ein Gefühl in seinem Gesicht aufgefallen. Doch das sollte dieser Moment ändern. »Das tut mir leid«, sagte ich schließlich. Der alte Mann nickte nur und zog ein zerknülltes Taschentuch aus seiner Hosentasche. Er trocknete seine Augen und ein schwaches Lächeln verschob die Falten in seinem Gesicht. Es verschwand jedoch sofort wieder. »Danke.« Auch nach einigen Herzschlägen waren keine weiteren Worte mehr zwischen uns gefallen. In mir brannte ein Gefühl, Worte stapelten sich in meinem Hals, als wollten sie diese traurige Stille durchbrechen.
»Soll ich Sie ein Stück begleiten?«, sprudelten die Worte plötzlich aus mir heraus. Im selben Moment durchzog mich der Gedanke, warum ich das gesagt hatte. Der Mann beantwortete meine Frage nicht, wies mich jedoch auch nicht ab. Ich folgte ihm also. Umgeben von einer sanften Wolke aus 4711 und dem Geruch seines Zigarillos liefen wir die Straße entlang, die beiden Hunde liefen vor uns her, schnupperten hier und da gelangweilt an einem Zaun.
Nach einigen Minuten erreichten wir die Villa am Ende der Straße. Zumindest hatte ich sie immer für eine Villa gehalten. Heute wirkte sie weniger imposant. Vielleicht, weil ich nun wusste, wer dort wohnte. Vielleicht, weil ich wusste, dass sich hinter der Fassade kein reicher Geschäftsmann verbarg, sondern ein Mann, der seine Abende in einem Tierheim verbrachte.
»Kommen Sie doch auf einen Whisky mit herein, wenn Sie mir schon bis nach Hause folgen.« Die Haustür stand bereits einen Spalt weit offen und ich hatte gar nicht bemerkt, wie unhöflich mein eigenes Verhalten wohl wirken musste. Weder wollte ich mit ihm nach Hause gehen, noch wollte ich mich aufdrängen. Doch in meiner Faszination, ohne zu wissen, was mich faszinierte, begleitete ich den Mann bis zu seiner Haustür, als wäre es das Normalste der Welt. »Es … es tut mir leid. Ich wollte mich nicht aufdrängen.«
»Ach, kommen Sie schon, ein alter Mann wie ich hat selten Besuch. Gehen Sie schon rein.« Ich folgte den Hunden, die sich durch den Türspalt ins Innere drängten. Der Eingangsbereich wirkte, als wäre das Sonnenlicht in nur einem Wimpernschlag hinter den Horizont gefallen. Es roch nach Holz, alten Büchern und Tabak. Die Einrichtung wirkte, als wäre sie seit Jahrzehnten unverändert geblieben. Dunkle Möbel standen an den Wänden. Auf einer Kommode standen Schwarz-Weiß-Fotos, andere trugen diesen Sepia-Ton auf ihren Motiven. Manche waren so alt, dass die Farben bereits verblasst waren. »Palermo«, las ich die verblasste Handschrift auf einem der Schwarz-Weiß-Fotos. Es war das einzige Foto, das die Szenerie einer Stadt zeigte. Alle anderen zeigten Hunde, die es längst nicht mehr gab. Der alte Mann führte mich in sein Wohnzimmer. Eine schwere Ledercouch stand vor dem Kamin. Daneben mehrere Sessel. Auf einem kleinen Tisch lagen eine angebrochene Packung Toscana-Zigarillos und ein Telefon, dessen Hörerkabel in dem aus Bronze gefertigten Telefongehäuse endete und wirkte, als sollte es nicht mehr in diese Zeit gehören. Direkt daneben stand eine Kristallkaraffe, deren Inhalt im Licht der Stehlampe bernsteinfarben schimmerte.
Der alte Mann bemerkte meinen Blick und griff, ohne zu fragen, nach zwei schweren Gläsern, die bereits auf einem silbernen Tablett bereitstanden, als würden sie dort jeden Abend auf ihren Einsatz warten. Die Eiswürfel klirrten leise gegeneinander, während er den Whisky eingoss. »Setzen Sie sich.« Ich ließ mich vorsichtig auf die Ledercouch sinken. Das bereits brüchige Leder knarrte unter meinem Gewicht und verströmte diesen Geruch alter Möbel, der sich mit dem Duft von Tabak vermischte. Die beiden Hunde hatten sich längst ihre Plätze gesucht. Der Beagle lag zusammengerollt vor dem Kamin und der Schnauzer hatte es sich auf einem Sessel gemütlich gemacht, als hätte er Angst, dass auch dieser plötzlich verschwinden könnte. Der alte Mann nahm sein Glas in die Hand, betrachtete die Eiswürfel einige Sekunden und drehte das Glas langsam zwischen seinen Fingern.
»Seltsame Tiere«, sagte er schließlich. Ich wusste nicht, ob er die Hunde meinte oder über die Eiswürfel sprach. »Hunde?«, fragte ich. »Menschen.« Er lächelte schwach. »Man verbringt Jahre miteinander und am Ende erinnert man sich plötzlich an Dinge, die man jahrzehntelang vergessen hatte.« Ich nickte, obwohl ich nicht sicher war, ob ich verstand, worauf er hinauswollte. Sein Blick wanderte zu einem Foto auf der Kommode. Ein Hund saß darauf zwischen Rosenbüschen. Es war der verstorbene Mischling. Vermutlich noch deutlich jünger.
»Er hat die Rosen gehasst«, murmelte der alte Mann. »Die Rosen?« »Jedes Jahr. Immer dieselben Büsche. Immer dieselbe Stelle.« Zum ersten Mal an diesem Abend musste er lachen. Es war nur ein kurzes Lachen, doch es veränderte den Raum sofort. »Mein Bruder hat sie jedes Frühjahr neu eingepflanzt und der Hund hat sie jedes Frühjahr wieder ausgegraben.«
»Ihr Bruder ist der Gärtner?« »Ja.« Er nahm einen Schluck Whisky. »Der einzige Mensch, der verrückt genug ist, mir seit vierzig Jahren zu helfen.« Bevor ich etwas erwidern konnte, klingelte das Telefon. Das Geräusch durchschnitt die Stille des Hauses wie ein Messer. Der alte Mann stellte sein Glas ab. »Entschuldigen Sie.« Er griff nach dem Hörer. »Pronto.« Seine Stimme klang sofort anders. Nicht härter. Nur konzentrierter. Er hörte einige Sekunden zu. »Sì.« Eine Pause entstand. »Oggi.« Er nickte langsam. »Portalo nel giardino.« Mein Blick hob sich unwillkürlich. »Bring ihn in den Garten«, wiederholte ich seinen Satz leise. Der alte Mann bemerkte es nicht. »Stanotte.« Wieder hörte er zu. »Sotto terra. Seppelliscilo e basta.«
Die Worte ließen meinen Magen unangenehm kribbeln. Wer sollte wen vergraben? Der alte Mann blickte währenddessen aus dem Fenster hinaus in den Garten. »Fallo e basta.« Mach es einfach. Seine Stimme war ruhig, fast müde. Dann legte er auf. Der Hörer klickte zurück auf die Gabel. Für einige Sekunden sagte niemand etwas. Nicht einmal die Hunde bewegten sich.
Dann durchschnitt seine Stimme den Raum. »Mein Bruder«, erklärte der alte Mann schließlich. Er griff erneut nach seinem Glas. »Er kommt morgen Nachmittag.« »Weshalb?« Der alte Mann blickte mich an, als hätte er die Frage nicht verstanden. Erst nach einigen Sekunden wanderte sein Blick zu dem Foto auf der Kommode. Dann nickte er langsam. »Ach so.« Seine Augen wurden feucht. »Um ihn zu begraben.« Er stellte das Glas ab und sah zum Fenster hinaus. »Unter den Rosen.« Draußen bewegten sich die Äste der Büsche im Abendwind.
Plötzlich musste ich an die Telefonzelle denken. An die abgeschnittenen Rosenköpfe. An die italienischen Befehle. An all die Geschichten, die ich mir in meinem Kopf zusammengebaut hatte. Der alte Mann bemerkte mein Schmunzeln. »Was geht Ihnen durch den Kopf?« »Ach, gar nichts.« Er lächelte nur mit den Grübchen. Dann griff er wieder nach seinem Glas.
»Es ist wegen meines Italienischs, habe ich recht?« Ich blickte verlegen und nickte.
»Seit vierzig Jahren versucht mir mein Bruder Italienisch beizubringen.«
»Senza successo«, seufzte er. Sein Blick wanderte kurz zum Telefon. »Ich vergesse einfach die Hälfte der Wörter.« Er nippte erneut an seinem Whisky und blickte zu dem Foto des Mischlings. »Heute wollte ich ihm eigentlich erzählen, dass der alte Kerl bis vor wenigen Tagen noch versucht hat, die Rosen auszugraben.« Seine Stimme wurde dabei immer leiser. »Dass er selbst mit zwölf Jahren noch geglaubt hat, er könnte jeden Kampf gegen diese Büsche gewinnen.« Sein Lächeln verschwand so schnell, wie es sich in seinem Gesicht abgezeichnet hatte. »Stattdessen sage ich nur Garten. Morgen Mittag. Unter die Erde.« Er schnaubte belustigt. »Und morgen wird mein Bruder wieder behaupten, ich würde sprechen wie ein alter Gangster aus einem billigen Kinofilm.« Die Blicke des alten Mannes sanken immer tiefer in sein Glas, bis die spiegelnde, bernsteinfarbene Oberfläche ihm sein eigenes Gesicht zurückwarf.





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