Das Land unter mir, welches auch immer es sein mag, leuchtet wie die Nervenzellen eines Planeten. Milliarden einzelner Lichtpunkte, verbunden durch unsichtbare Synapsen aus Straßen und Autobahnen, flackern in Mustern, die zu komplex sind, um Zufall zu sein. Von hier oben sehen Städte nicht aus wie Orte, sondern wie Gedanken. Gedanken, die jemand von außen an diesen Planeten namens Erde geklebt hat. Als hätte die Erde selbst plötzlich angefangen, sich zu erinnern. Jene Kugel, über die ich gerade fliege. Ein nasser, staubiger, alter Stein, der so tut, als wäre er stabil, obwohl er seit Milliarden Jahren nichts anderes macht als zu fallen. Durch Raum, durch Zeit, durch sich selbst. Ich schwebe irgendwo zwischen den Dimensionen. Die Realität liegt Tausende Meter unter mir, voller Ampeln, schlafender Körper, offener Fenster und halb zu Ende gedachter Träume. Das Unvorstellbare beginnt Millionen Kilometer über mir, dort, wo die Gravitation aufhört, eine gute Erklärung zu sein, und das Vakuum das letzte Wort übernimmt.
Durch die Löcher im dunkelblauen Himmelsdach funkeln mir vertraute Sternbilder entgegen. Orion hängt schief wie ein schlecht gerahmtes Bild, der Große Wagen ist auf den Kopf gestellt, als hätte jemand den Himmel einmal kräftig geschüttelt. Alles ist da und doch falsch ausgerichtet. So wie Erinnerungen, wenn man sie zu oft zerdenkt. Und ich? Ich sitze hier, fast gelangweilt, in einer Kohlefaser-Röhre, die schneller ist als jedes Lebewesen, das je über diesen Planeten gelaufen ist. Neben mir brüllen die Triebwerke, gezähmte Explosionen, die ununterbrochen beweisen, dass kontrollierter Wahnsinn eine erstaunlich zuverlässige Energiequelle ist. Über 990 Kilometer pro Stunde schnell gleite ich sanft durch Raum und Zeit, und trotzdem fühlt es sich an, als würde ich stillstehen. Glas und Metall, nicht dicker als meine Hand, trennen mich von der kalten Nacht. Ein paar Millimeter Materie gegen das absolute Nichts, das mich sofort verschlingen und zerreißen würde.
Draußen wippt das Triebwerk im seichten Sternenlicht auf und ab, als wäre es ein Lebewesen, das ruhig atmet. Drinnen riecht es nach Plastik, Kaffee und fremdem Leben. Ohne diese Fenster zur Außenwelt wäre alles hier nur eine etwas glorifizierte Metro, die mit all ihrer Kraft den starren Schienen folgt, auf die man sie gesetzt hat. Sie kann nur vor oder zurück, beschleunigen oder bremsen. Aber ich, jetzt in diesem Moment, breche den Raum, der noch dunkel schläft. Mein Körper ist hier, angeschnallt, aber mein Inneres ist schon längst weiter. Es kennt das Land, das zwischen dem 22. und 25. Breitengrad liegt, dieses schmale Stück Erde, das gerade genug aus dem Meer ragt, um eine ganze Welt voller Farben zu tragen. Als hätte jemand mitten beim Schöpfungsprozess aufgehört, weil es schon so schön war, und nicht, weil es fertig war.
Dort unten warten Neonlichter, die sich im Regen spiegeln wie flüssige Erinnerungen. Straßen, die nie ganz ruhig werden. Stimmen in Sprachen, die ich nicht vollständig verstehe, aber trotzdem erkenne. Ein Ort, der nicht versucht, perfekt zu sein, sondern nur lebendig. Und irgendwo zwischen hier oben, wo die Sterne falsch herumstehen, und dort unten, wo alles viel zu nah und viel zu laut ist, sitze ich in diesem fliegenden Zylinder und warte darauf, dass Taiwan mich und diesen Vogel aus Metall sicher auffängt.





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