Es war ein angenehm sonniger Tag, der laue Wind war gerade kräftig genug, die warmen Spuren der Welt nicht vollständig von meiner Haut zu wehen. Die Straßenlaternen flackerten leise auf, als die Sonne sich gerade auf ihren Untergang vorbereitete. In meinem Kopf wirkte die Stadt heute vollkommen entschleunigt, als hätte jemand beschlossen, die Lautstärke einfach herunterzudrehen. Kein Auto fuhr die Straße entlang, die so lang war und sich bergab in das Stadtzentrum ergoss, dass man ihr Ende nur erahnen konnte. Nur das metallische Scheppern einer Straßenbahn irgendwo in der Ferne tanzte durch die Abendluft und kroch in meine Ohren. Wie jeden Abend trugen mich meine Füße in die kleine Seitenstraße gleich neben der Bäckerei, vorbei an einem alten Briefkasten, dessen gelbe Farbe wie aus einer längst vergessenen Zeit wirkte. So oder so hatte sich das Moos, das ihn bewohnte, längst dazu entschlossen einen Farbwechsel zu vollziehen. Mit dem Geruch von frischem Brot, der aus der Bäckerei direkt in meine Nase gekrochen war, vermischte sich noch eine andere Duftnote. Es war, als hätte sich der Duft von frischem Leder, feuchter Erde, einem Hauch schwarzem Kaffee und dem leicht brennenden Gefühl von Kaminrauch in meiner Nase zu einer vollkommen neuen Duftnote verwoben.
Ich musste diesem in der Luft hängenden Duftfaden überhaupt nicht folgen, um seinen Ursprung zu finden. Ein alter Mann bog gemütlich um die Ecke. Drei Hunde liefen vor ihm her, als würden sie den Weg schon Jahrzehnte kennen. Ein Beagle mit schweren Ohren, als würde er unter der Erde auf etwas horchen. Ein grauer Schnauzer trottete neben ihm her, dicht gefolgt von einem Mischling, dessen Energie nicht so wirklich zu seinem graubraunen Fell passen wollte. Der alte Herr selbst wirkte, als wäre er aus einem verstaubten Foto herausgelaufen. Rundes Gesicht, graue Haare, eine beigefarbene Jacke und an seinem Handgelenk funkelte unauffällig eine schwere Uhr. Sein Gang war langsam, beinahe humpelnd. Er wirkte nicht schwach, nur vorsichtig und seine Hunde hatten sich seinen langsamen Schritten längst angepasst. Unsere Wege kreuzten sich, ein Vogelzwitschern lang klebten unsere Blicke aneinander bis ein neuer Geruch sich in meine Nasenlöcher drückte. 4711.
Ein unverkennbarer Geruch, der mich direkt nostalgisch auf meine Kindheit blicken ließ. Niemals könnte ich diesen 4711 Flacon auf der gläsernen Ablage meiner Großmutter vergessen. Ich nickte ihm zu. »N’abend.« Er lächelte freundlich zurück. »Guten Abend, junger Mann.« Seine warme Stimme überraschte mich. Sie trug zugleich noch etwas sanftes aber auch kratziges in sich. Es schien mir unmöglich, sein Alter zu benennen. Er hätte Ende fünfzig sein können, doch genauso gut weit über siebzig. Meine Gedanken verloren sich noch einige Momente in den Falten seines Gesichts. Am nächsten Abend begegnete ich ihm abermals. Er stand beinahe lässig an einer dieser selten gewordenen Telefonzellen, die wirkten, als hätte man einfach vergessen, diese gelben Rechtecke aus dem Stadtbild zu entfernen. Die Hunde an ihren drei unterschiedlich langen Leinen warteten wie immer friedlich, ohne auch nur den leisesten Ton von sich zu geben. Als hätten sie beschlossen, nur noch die nötigsten Bewegungen zu machen. Je näher ich der Telefonzelle kam, desto stärker wurde die 4711 Duftnote, welche sich mit dem Geruch des Abends vermischte. Auch seine Stimme drang immer lauter in meine Ohren.
»Lo fai entro questa settimana, capito?« Ich erschrak bei dieser energischen Tonlage. Was sollte wer noch diese Woche erledigen, sprudelte der Gedanke in meinem Kopf umher. »Fallo bene. Niente errori!« Mach es ordentlich, keine Fehler! brüllte der Mann in das Telefon und noch immer verstand ich nicht was hier vor sich ging. Eigentlich hat es mich auch nicht zu interessieren, was in anderen Leben passiert, aber unfreiwillig war ich nun Teil dieser Szenerie geworden. »Taglia le teste!!« Ich zuckte zusammen. Schneid die Köpfe ab, hallten seine Worte in mir nach. Ich wollte meinen Gang beschleunigen, diesem surrealen Moment entfliehen, der sich anfühlte, als würde ich in einem Schlamassel stecken. Ein lauwarmer Windstoß ließ mich schütteln.
Der alte Mann gestikulierte weiter wild mit der Hand, im Mundwinkel hing ein Zigarillo, ganz anders als sonst. Er war nicht mehr dieser ruhige alte Mann. Es machte den Eindruck, als sei er es gewohnt, Befehle zu geben. Er bemerkte mich schließlich, denn unmerklich trugen mich meine Beine nicht weiter fort, sondern entschieden sich neben der Telefonzelle stehenzubleiben und dem Gespräch zu lauschen. Abrupt unterbrach er sein Gespräch und sah mich durch das fast schon milchige Glas der Telefonzelle an. Sein Gesichtsausdruck war angsteinflößend ruhig. Er senkte hastig den Kopf, als wollte er mir zunicken, machte dabei eine Handbewegung. »Geh. Geh schon.« Seine Worte klangen nicht fordernd, trugen aber dennoch einen seltsamen Unterton in sich. Ich bog in die nächste Seitenstraße ein. Meine Gedanken überschlugen sich, in meiner Nase hing noch immer der Duft von 4711 und dieser nach feuchter Erde und Leder riechenden Wolke seines Zigarillos.
War er etwa jemand von denen, die ich sonst nur aus alten Filmen kenne? Ich versuchte das alles zu vergessen und setzte meinen Weg nach Hause fort. Vorbei an den Häusern und Villen, die so imposant ihr Dasein fristeten und mir das Gefühl in den Körper pflanzten, hier nicht hinzugehören. Ich wohnte tatsächlich nicht in dieser Gegend, sondern in einem anderen Stadtteil, einem, den ich mir leisten konnte. Ich war nur jeden Abend hierhergekommen, um im Stadtpark spazieren zu gehen, der gleich auf der anderen Straßenseite lag. Gegenüber den Häusern und Villen, die alle mit prächtigen Gärten und Zäunen eingerahmt waren.
Und auch heute war ich wieder hier. Um meine Gedanken zu beruhigen, schlenderte ich an der Telefonzelle von gestern vorbei. Alles ruhig, alles normal – beschwichtigte ich mich in Gedanken. Wie jeden Abend wollte ich in die Straße einbiegen, in der sich die Bäckerei befand. Der von Moos bewachsene Briefkasten war wie eine kleine Landmarke in dieser Straße. Der alte Herr stand direkt daneben und blickte in meine Richtung, als würde er auf jemanden warten. Ich nickte heute nur zur Begrüßung und setzte meinen Weg fort. Doch der Mann mit dem runden Gesicht wartete tatsächlich auf jemanden; auf mich. »Guten Abend« drang seine Stimme beruhigend durch die Luft, die mit dem Geruch frischer Brötchen getränkt war. Ich blieb auf der Stelle stehen und drehte mich zu ihm um. »Guten Abend«, erwiderte ich und hoffte, dass unser Gespräch wieder enden würde. »Haben Sie schon mal einen Toscana Zigarillo geraucht?«, die Linie in seinem Gesicht formte sich zu einem kleinen Lächeln. Er hielt mir die Packung hin. Ich schüttelte den Kopf.
»Na nun nehmen Sie schon.« Behutsam griff ich nach dem einzelnen Zigarillo, der aus der schwarzbraunen Packung hervorlugte. Erneut streckte er mir seine Hand entgegen, in der diesmal ein goldenes Feuerzeug fest in seinem Griff lag. An seinem Handgelenk funkelte die silberne Armbanduhr. Omega, konnte ich auf dem braunen Zifferblatt lesen. Es war eines dieser alten Zifferblätter mit den Leuchtzeigern, die im Dunkeln dieses schwach grünlich schimmernde Licht abgeben. Ich entzündete den Zigarillo an der kleinen Flamme des Feuerzeugs. Eine Wolke aus frischem Leder, feuchter Erde und dieser beißenden Note aus Kaminrauch umgab mich. Doch es schmeckte fast ein wenig nach Vanille, ein bisschen nussig.
»Und Sie sind neu hier in der Gegend?«, drang seine Stimme durch die Rauchwolke zu mir durch. Ich schüttelte den Kopf, versuchte mir nicht anmerken zu lassen, dass der Zigarillo mir die Luft zum Atmen nahm. »Ich wohne ein paar Minuten entfernt von hier«, stammelte ich die Worte in die Luft. »Aha. Ich wohne dort drüben«, sein Kopf drehte sich zu einer Villa, die am Ende der kleinen Straße lag. Vier Fenster lagen auf jeder Seite der großen hölzernen Flügeltür und weitere acht Fenster in dem Stockwerk darüber. Ich schluckte laut, als wollte ich mein Erstaunen einfach in meinem Hals ersticken lassen. Ich zog an meinem Zigarillo. »Es sieht gerade etwas trostlos aus«, sagte der Mann. »Wissen Sie, wenn man nicht aufpasst beim Schneiden der Rosen, dann können die Stacheln auf der Wiese liegen bleiben. Die Hunde wissen Sie… die können sich dann verletzen.« Ich blickte auf den grünen Eimer, der neben der Wiese stand und mit hunderten Rosenköpfen gefüllt war. »Und Sie wohnen dort ganz alleine?«, fragte ich. »Ja und doch bin ich nie alleine«, er blickte hinunter zu seinen Hunden. »Kommen Sie doch mal vorbei, wenn Sie Zeit haben«
Er wünschte mir noch einen schönen Abend und folgte dem Weg bis zu seiner Haustür, hinter der er schließlich verschwand. Mein Blick fiel auf ein an der Hauswand angebrachtes Schild. Es war wie der Briefkasten, neben dem ich noch immer stand, leicht verwittert. Doch die Buchstaben waren noch gut zu erkennen. Städtisches Tierheim.





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