Mio zog den Reißverschluss ihrer Tasche zu und folgte dem schmalen Weg, der den Fluss begleitete. Das Wasser glitzerte goldfarben in der Nachmittagssonne, eine lauwarme Brise umgarnte Mios Haare und das grüne Blätterkleid der Bäume, das sogleich ein regenartiges Rascheln von sich gab. Eigentlich mochte sie diesen Weg. Heute jedoch nahm sie kaum etwas von dem wahr, was um sie herum geschah. In wenigen Wochen würden die Sommerferien beginnen und wie jedes Jahr standen zuvor noch die Abschlussprüfungen des Halbjahres an. Seit Tagen konnte sie an nichts anderes mehr denken. Beim Frühstück, im Unterricht, selbst abends schlief sie mit diesen Gedanken ein. Immer wieder träumte sie davon, Aufgaben nicht lösen zu können oder vor lauter Nervosität alles Gelernte zu vergessen. Wie soll ich die Sommerferien nur genießen?, seufzte sie. Hinter einer Biegung des Flusses blieb Mio stehen. Zwischen zwei alten Bäumen, die direkt am Flussufer ihre Wurzeln geschlagen hatten, standen zwei verwitterte Metallstühle. Dazwischen befand sich ein kleiner runder Tisch, dessen Oberfläche mit handgelegtem Mosaik verziert war. Gerade groß genug, dass ein Teller, vielleicht auch zwei, darauf Platz finden würden. Die Farbe der Stühle war stellenweise abgeplatzt. Auf dem Tisch lagen noch vertrocknete Blätter vom vergangenen Herbst, obwohl die Bäume darüber längst wieder ihr frisches grünes Blätterkleid trugen. Es sah aus, als hätte jemand vor langer Zeit beschlossen, morgen wiederzukommen. Doch dieses Morgen war nie gekommen. Alle Menschen liefen achtlos an diesem aus der Zeit gefallenen Ort vorbei. Mio hingegen lächelte.
»Irgendwie süß«, murmelte sie und trat nach kurzem Zögern näher.
Auf einem der Stühle lag ein großes braunes Blatt. An seinen Rändern schimmerten noch immer die warmen Farben des Herbstes. Mit einer sanften Handbewegung strich sie es herunter. Lautlos taumelte es zu Boden und blieb neben dem Stuhl liegen. Mio setzte sich und ließ den Moment einfach geschehen. Sie lauschte dem Fluss, spürte den lauen Wind auf ihrer Haut, der zugleich das Zwitschern der Vügel in ihre Ohren trug. Plötzlich schwebte eine einzerlne Kirschblüte an ihr vorbei. Dabei gab es weit und breit keinen Kirschblütenbaum. Mio blickte nach oben. Das satte Grün über ihr verblasste zusehends und verwandelte sich Ast für Ast in ein Meer aus zartrosafarbenen Kirschblüten. Innerhalb weniger Augenblicke schmückten Tausende Blüten den Baum, der eben noch ein Ahorn gewesen war. Immer mehr rosafarbene Blüten tanzten durch die Luft und legten sich sanft auf ihre Schultern. Doch kaum berührten sie ihre Kleidung, lösten sie sich lautlos auf, als hätte es sie nie gegeben.
»W… was…?«, mehr brachten ihre Lippen nicht hervor.
Vor ihr begannen die vertrockneten Blätter auf dem Tisch zu zittern. Ihre braunen Ränder wurden glatt. Es schien, als würden sie heller und immer größer werden. Nur wenige Herzschläge später lag an ihrer Stelle eine elegante Speisekarte mit goldenen Buchstaben. Beinahe zeitgleich bemerkte Mio eine Bewegung neben ihrem Stuhl. Das Blatt, das sie vorhin achtlos heruntergewischt hatte, war verschwunden. An seiner Stelle lag nun eine rosafarbene Karte. Doch noch bevor sie danach greifen konnte, hörte sie sanfte Schritte.
»Willkommen, Mio!«
Sie fuhr erschrocken herum. Neben ihr stand eine junge Frau in einer cremefarbenen Schürze. Hinter ihr erhob sich ein kleines Café mit einer dunklen Holztür und einem großen Fenster. Es wirkte, als hätte es schon immer dort gestanden. Der Duft von frischem Kaffee und warmem Gebäck lag in der Luft. Mio starrte die junge Frau noch immer an.
»Woher kennen Sie meinen Namen?«
Doch sie lächelte nur und bemerkte die rosafarbene Karte auf dem Boden.
»Oh! Ihre Tagesempfehlung.«
Behutsam hob sie die Karte auf, legte sie vor Mio auf den Tisch und trat einen Schritt zurück. Auf der Karte stand in geschwungener Schrift Mios Tagesempfehlung – Kirschblüten-Kaffee und darunter warmer Käsekuchen mit Kirschblütensahne. Mios Blick wechselte hastig zwischen der Karte, der Speisekarte auf dem Tisch und dem Café hin und her. Sie verstand überhaupt nichts mehr.
»Möchten Sie bestellen?«
Überfordert von den Geschehnissen nickte Mio zaghaft.
»Dann… dann die Tagesempfehlung, bitte.«
»Sehr gern.«
Die junge Frau verneigte sich leicht und verschwand im Café. Erst jetzt bemerkte Mio, dass die Welt um sie herum sich scheinbar einfach weiterdrehte. Doch niemand schien sie oder das Café zu bemerken. Verliebte Paare liefen den Weg entlang, ein Jogger wich einem älteren Ehepaar aus und nicht einmal das Kind im Kinderwagen, das neugierig die Welt betrachtete, schien etwas wahrzunehmen. Niemand blickte auch nur einen Augenblick zu ihr herüber. Sie alle gingen am Kirschblüten-Café vorbei, als wäre dort überhaupt nichts. Wenige Minuten später kehrte die junge Frau zurück. Auf den kleinen Tisch vor Mio stellte sie eine schneeweiße Tasse. Der Kaffee darin schimmerte leicht rosa. Feiner Dampf stieg aus der Tasse empor und trug den Duft von Kaffee und Kirschblüten mit sich. Daneben platzierte sie einen etwas größeren Teller mit einem Stück Käsekuchen. Die Sahne darauf war ebenso zartrosa wie die Blüten über ihr.
»Guten Appetit.«
Die Frau aus dem Café verschwand so schnell, wie sie gekommen war.
»Warten Sie bitte!«, rief Mio.
Die Frau blieb stehen und zögerte einen Flügelschlag lang, dann drehte sie sich noch einmal zu ihr um.
»Was muss ich bezahlen?«
Sie lächelte.
»Darum müssen Sie sich keine Gedanken machen.«
Dann öffnete sie die Tür des Cafés und trat ein. Als die Tür hinter ihrem Rücken ins Schloss fiel, verschwand das gesamte Café. Als hätte es nie existiert. Mio saß allein unter dem Kirschblütenbaum. Noch immer fielen Kirschblüten auf sie herab und lösten sich auf, sobald sie etwas berührten. Vorsichtig nippte Mio an ihrem Kaffee, der weder nach Kaffee noch nach Kirschblüten schmeckte. Als wären gar keine dieser Zutaten darin, schmeckte er vielmehr nach Frühling. Nicht nach einer einzelnen Zutat, sondern nach einem Moment aus ihrer Erinnerung. Nach einem Gefühl des Neuanfangs. Mio erinnerte sich daran, wie sie vor einigen Jahren hierhergezogen war. Sie liebte ihr Leben und genoss den Geschmack dieser Erinnerung. Unwillkürlich zeichnete sich ein kleines Lächeln auf ihrem Gesicht ab. Auch der Kuchen war unglaublich leicht, als würde er auf der Zunge verschwinden. Zusammen mit etwas anderem. Erst als sie das letzte Stück essen wollte, entdeckte sie einen kleinen Zettel unter dem Teller. Sie zog ihn hervor.
»Das muss die Rechnung sein.«
Doch das war sie nicht. Es war lediglich eine kleine Karte aus festem Karton mit wenigen Zeilen darauf.
Sakura Café – Ein Café, das nur denen erscheint, die bereit sind, für einen Augenblick an einem Ort zu verweilen, den alle anderen übersehen. Vielen Dank für Ihren Besuch. Bis zum nächsten Mal.
Als Mio aufsah, war der Baum über ihr wieder grün und der Ahorn strahlte wie zuvor eine beruhigende Ruhe aus. Auch der Teller und die Tasse waren verschwunden. Aus der Speisekarte war wieder ein braunes Laubblatt geworden. Nur die kleine Karte in Mios Hand war noch da. Sie betrachtete die kleine rosafarbene Karte noch einen Moment lang, bevor sie sie behutsam in ihre Jackentasche gleiten ließ. Mio strich die letzten Krümel von ihrem Rock und stand auf. Ungläubig ließ sie den Blick über den Fluss, die beiden verwitterten Stühle und den kleinen Mosaiktisch schweifen. Bin ich eingeschlafen? War das alles nur ein Traum? Doch die Karte in ihrer Jackentasche fühlte sich viel zu sehr nach Wirklichkeit an, um nur Einbildung gewesen zu sein.
Der Fluss rauschte ruhig vor sich hin. Die beiden alten Metallstühle standen unverändert unter dem Ahornbaum, als hätten sie nie etwas anderes gesehen als den Wechsel der Jahreszeiten. Mit einem leisen Kopfschütteln machte sie sich schließlich auf den Heimweg. An diesem Abend schlief sie so tief wie schon lange nicht mehr. Als sie am nächsten Morgen aufwachte, schien alles wie immer zu sein. Die Sonne fiel durch ihr Fenster, sie zog ihre Schuluniform an, frühstückte hastig und machte sich auf den Weg zur Schule. Im Unterricht wurde über die bevorstehenden Abschlussprüfungen gesprochen. Ihre Mitschülerinnen tauschten sich nervös über Formeln und Vokabeln aus. Mio hörte aufmerksam zu, doch zum ersten Mal seit Wochen zog sich dabei nichts in ihrer Brust zusammen. Sie bemerkte es nicht einmal bewusst. Sie fühlte sich einfach leichter. Die Tage vergingen und schließlich begann die Prüfungswoche. Als Mio den Prüfungsbogen vor sich liegen sah, wartete sie auf das vertraute Gefühl. Auf die zittrigen Hände, den flachen Atem und den Gedanken, alles Gelernte vergessen zu haben. Doch dieses Gefühl blieb aus. Natürlich war sie aufgeregt, aber nicht gelähmt. Sie atmete tief durch, setzte den Stift auf das Papier und schrieb eine Aufgabe nach der anderen.
Wenig später begannen die Sommerferien. Mit ihrem Abschlusszeugnis in der Tasche führte sie ihr Heimweg beinahe wie von selbst zurück an den Fluss. Zwischen den beiden alten Bäumen standen noch immer die verwitterten Metallstühle und der kleine runde Mosaik-Tisch. Auch der Ahorn raschelte wie immer im Wind. Doch von dem Café fehlte jede Spur. Mio setzte sich auf denselben Stuhl wie vor ein paar Wochen. Langsam ließ sie ihre Hand in die Jackentasche gleiten und zog die kleine rosafarbene Karte hervor. Noch einmal wollte sie sie lesen, sich an diesen Moment erinnern. Doch irgendetwas war anders. Mit ihren Fingerspitzen ertastete sie kleine Erhebungen auf der Rückseite, die zuvor leer gewesen war. Nun stand dort etwas in feinen goldenen Buchstaben.
Jeder Gast lässt etwas zurück. Manche ihre Angst. Andere ihre Sorgen. Wieder andere ihre Einsamkeit. Was einen Menschen ausmacht, bleibt stets bei ihm. Nur das, was ihn am Weitergehen hindert, bleibt bei uns.
Mio las die Zeilen ein zweites Mal. Eine einzelne Träne lief langsam ihre Wange hinunter. Jetzt verstand sie. Das Kirschblüten-Café hatte ihr weder Glück noch Erfolg geschenkt. Gelernt hatte sie selbst. Die Prüfung hatte sie selbst geschrieben. Und auch bestanden hatte sie ganz allein. Das Einzige, was sie an jenem Nachmittag dortgelassen hatte, war ihre Angst. Damit hatte sie bezahlt. Sie faltete die kleine Karte sorgfältig zusammen und ließ sie wieder in ihrer Jackentasche verschwinden. Ein warmer Wind strich durch die Äste des Ahorns. Und für den Bruchteil eines Augenblicks glaubte Mio, zwischen den grünen Blättern eine einzelne Kirschblüte tanzen zu sehen.





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